Im Urlaub war die Landschaft doch so beeindruckend. Gleich zehnmal haben Sie auf den Auslöser ihres Smartphones gedrückt, aber zu Hause sind sie enttäuscht. Die Bilder sind langweilig, nicht eines strahlt aus, was Ihnen Ihre Erinnerung zeigt. Sie sind eben kein Profi. Und so eine Handykamera…na ja.

Falsch. Ihr Handy kann hervorragende Urlaubsbilder machen. Und sie können es auch – wenn Sie einige Regeln und Tipps beachten.

Ein Gastbeitrag von Iris Müller

Iris Müller

In kaum einem technischen Bereich ist der Fortschritt innerhalb weniger Jahre so rasant gestiegen wie in dem der Handykameras. Heute haben sie mit bis zu 12 Megapixeln eine hohe Auflösung, sind sehr lichtempfindlich und warten oft mit mehreren Objektive und vielen Extra-Funktionen auf. Gegenüber einer normalen Fotokamera haben sie einen enormen Vorteil: Man muss sie nicht eigens mitschleppen. Das Handy ist immer dabei und schnell gezückt, wenn Ihnen ein gutes Motiv ins Auge springt. Wichtig ist jetzt zuerst, auf eine saubere Linse zu achten. Danach kommt es vor allem auf die Auswahl des Motivs, die Komposition und das Licht an.

Natürliches Beautylicht

Meiden Sie die pralle Sonne. Gerade mittags lässt das harte Sonnenlicht Farben verblassen und verursacht sehr hohen Kontrast. In Gesichtern gibt es unerwünschte Schatten, Augen werden zusammengekniffen. Ob Sie Menschen, Landschaften oder Gebäude fotografieren – suchen Sie stets nach dem „Beautylicht“, wie ich es nenne. Sie finden es morgens und am späten Nachmittag, im Schatten eines Hauses oder mittags in einem Wald, bei Innenräumen in der Nähe eines Fensters.

Normalerweise regelt ihre Handykamera Belichtung und Schärfe über die Autobelichtungs- und Autofokussierungsfunktion (AE/AF). Wenn sie diese Funktion sperren, indem Sie mit dem Finger lange auf das Display tippen (AE/AF Sperre), können Sie die Beleuchtung von Hand etwas dunkler einstellen. Ihr Bild wird professioneller wirken.

Bei Fotos ist die Mitte nicht golden

Für die Komposition eines Bildes mit Landschaft spielt der Horizont eine wichtige Rolle. Er teilt die meisten Bilder in zwei Teile, trennt Himmel und Erde. Hier wird sehr oft der Fehler gemacht, den Horizont genau in der Bildmitte zu platzieren. Die Wirkung ist langweilig, weil weder der obere noch der untere Bereich betont werden; es fehlt ein Akzent. Durch die ungewollte Zweiteilung verliert auch das Bild von der schönsten Badebucht unter blauem Himmel die Spannung. Besser ist, den Horizont (den Sie bitte immer gerade aufnehmen, nicht schräg), im oberen oder unteren Drittel des Bildes anzuordnen.

Die „Drittelregel“ und der Tipp „Weg von der Mitte“ gelten aber nicht nur für den Horizont: Jedes Motiv gewinnt an Spannung, wenn es gezielt aus dem Bildzentrum herausgerückt wird. Um ihre Bildkomposition aktiv zu gestalten, aktivieren Sie deshalb die Rasterfunktion in den Einstellungen ihres Smartphones. Auf dem Display erscheinen feine Linien und unterteilen das Bild in 9 gleichgroße Felder.  Nutzen Sie die vertikalen und Horizontalen Schnittpunkte der Linien für die Bildkomposition. Ich empfehle, das Raster immer aktiviert zu haben, weil es auch dabei hilft, die Kamera gerade auszurichten.

Das Spiel mit den Motiven

Spielen Sie mit Motiven. An der Badebucht zum Beispiel rücken Sie eine Muschel in den Vordergrund (Linienschnitt links oder rechts unten) und lassen Wasser und Himmel die oberen Teile des Bildes mit Leben füllen. Verändern sie Ihren Standort und auch die Höhe, aus der Sie fotografieren, wählen Sie unterschiedliche Ausschnitte und vergleichen Sie die Wirkung – nicht nur am Strand, sondern auch vor einer Sehenswürdigkeit, auf einer Wiese oder bei Aufnahmen von Menschen.

Sie wünschen sich schöne Bilder von Freunden und der Familie im Urlaub. Mit der unauffälligen Handykamera gelingt vielleicht mancher Schnappschuss – das Stichwort hier heißt: beobachtendes Fotografieren –, aber sobald Sie die Menschen auffordern zu lächeln, näher zusammenzurücken oder Sie anzusehen, geht die Natürlichkeit einer Szene verloren, wirken die Bilder gestellt. Mein Tipp: Seien Sie alle zusammen albern. Lassen zum Beispiel alle einmal hochspringen. Und benutzen Sie die Serienfunktion ihres Handys. Bei vielen Telefonmodellen reicht es, den Finger auf den Auslöser zu legen und nach links zu ziehen. Wenn Sie beispielsweise eine Unterhaltung fotografieren, bekommen Sie auf diese Weise viele Bilder zur Auswahl.

Eine der wichtigsten Funktionen: das Löschen

Ich empfehle Ihnen dringend, am Ende eines jeden Urlaubstages Ihre Bilder kritisch zu sichten. Behalten Sie nur die besten fünf Aufnahmen. Am Ende des Urlaubs haben Sie so ein Album gelungener Bilder und nicht hunderte von mehr oder weniger optimalen Schnappschüssen. Wenn Sie ein Bild gelungen finden, aber ein Element stört, können Sie auch retuschieren. Sollten Sie also erst bei der Durchsicht merken, dass bei der perfekt komponierten Aufnahme von der Muschel am Strand am Rand jemand ins Bild gelaufen ist: Weg mit dem Störenfried. Zwei Apps, die sich sehr gut zum Retuschieren eignen, sind: TouchRetouch und Snapseed. Für Effekte wie einen unscharfen Hintergrund empfehle ich außerdem Focos oder Lensa. Alle Apps gibt es sowohl für iOS als auch für Android.

Über Iris Müller:

Iris Müller ist iPhone-Fotografin und Videografin sowie renommierte Arbeits- und Organisationspsychologin. 2018 hat sie ihre Liebe zur Handy-Fotografie zum Beruf gemacht. Webseite: https://www.fokusclip.ch

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